Beiträge zur Geschichte
Beiträge zur Geschichte des Orgelbaus in der Nordeifel

von Dr. Franz - Josef Vogt

Die Anfänge

Bezieht man die Stadt Aachen am nordwestlichen Rand der Eifel mit in die Überlegungen ein, dann kann dieses Territorium für sich in Anspruch nehmen, die älteste Orgel in Mitteleuropa besessen zu haben. 812 besucht eine byzantinische Gesandtschaft die Kaiserstadt, um Karl dem Großen (742 - 814 "more suo" (auf ihre Art) zu huldigen. Das zu diesem Zweck mitgeführte Instrument läßt der Kaiser von Fachleuten untersuchen und genaue Zeichnungen davon anfertigen, um es dann nach der Heimreise der Gesandten nachbauen zu können. In der "Gesta Karoli Magni Imperatoris" hat Notker Balbulus diesen Sachverhalt aufgezeichnet:

Diese Gesandten brachten alle Arten von Musikinstrumenten, aber auch verschiedene andere Dinge mit. Dies alles wurde von den Handwerkern des äußerst klugen Karl insgeheim besichtigt und dann möglichst genau nachgebildet, und besonders jenes Musikinstrument, das als das hervorragendste galt, das mit den aus Metall gegossenen Laden und Blasebälgen aus Ochsenhäuten, die auf wundersame Weise durch die Metallpfeifen blasen, und das das Grollen des Donners, aber auch die Geschwätzigkeit der Leier und die Süße der Zimbel nachmacht.....

Bislang ist nicht eindeutig auszumachen, ob das zuvor genannte Instrument in erster Linie profanen (wie in Byzanz) oder bereits kirchlich - liturgischen Zwecken gedient hat; nach derzeitigem Kenntnisstand ist ein Zusammengehen beider Bereiche im fränkischen Reich nicht auszuschließen, obwohl der Gebrauch von Instrumenten, namentlich von Orgeln, lange Zeit umstritten gewesen ist und sich erst allmählich allgemein hat durchsetzen können. So sind es zunächst die bedeutenderen Klöster und Stifte gewesen, die sich dieser Neuerung gegenüber aufgeschlossen zeigen und darüber hinaus der Weiterentwicklung im Orgelbau neue Impulse gegeben haben.

Frühe Spuren

Aus der Zeit der Gotik, die im Orgelbau einen großen Fortschritt mit sich bringt, sind in der Eifel keine Instrumente erhalten geblieben. Lediglich deren Vorhandensein läßt sich an baulichen Befunden noch nachweisen, so beispielsweise in der ehemaligen Stiftskirche St. Martin von Münstermaifeld (Krs. Mayen - Koblenz), wo eine "Schwalbennestorgel" an der nördlichen Hochschiffwand im ersten Joch des Langhauses ihren Platz gehabt hat. Ähnliche Anlagen lassen sich in anderen Kirchen aufspüren oder zumindest vermuten.

Das älteste erhaltene Pfeifenmaterial der Region dürfte sich in der ehemaligen Praemonstratenser-Abteikirche zu Steinfeld befinden und aus der Zeit um 1600 stammen. Der niederländische Organologe M. Vente vermutet, daß dieses alte Pfeifenmaterial von Jacob Niehoff aus Köln, oder, noch wahrscheinlicher, von Floris Hocque aus Köln herrührt. Er begründet diese Annahme mit der starken Ähnlichkeit der Pfeifen mit denen von St. Jan in Herzogenbusch; gebaut worden ist dieses Instrument zwischen 1618 und 1632 durch Floris Hocque.

Auch die Orgel der Blankenheimer Schloßkirche ist in ihrem Ursprung noch in das 17. Jahrhundert zu datieren. Auf ein ähnlich hohes Alter müßte das heute in der kath. Pfarrkirche St. Martin von Hilberath (Rhein - Sieg - Kreis) stehende Instrument zurückblicken, ursprünglich für das während der Säkularisierung aufgehobene Kloster Essig (Mariastern) gebaut, 1805 an die evangelisch - reformierte Gemeinde in Odenkirchen (Mönchengladbach - Odenkirchen) verkauft und 1879 nach Hilberath verschenkt.

Die Orgelbauwerkstatt König

Gegründet wurde diese Werkstatt von Balthasar König (um 1685 - bis ca.1760), der seine Tätigkeit gegen 1711 in Bad Münstereifel beginnt und sich nach 1735 in der Breite Straße in Köln niederläßt, weil hier wahrscheinlich günstigere Geschäftsbedingungen zu erwarten waren.

Als erste Arbeit läßt sich eine 1711 ausgeführte Instandsetzung der Orgel in der Schloßkirche von Blankenheim (Krs. Euskirchen) nachweisen. Seine Arbeit soll ihm mit zehn Reichstalern vergütet worden sein, was zur Hälfte auß der Kirchen und halb von der Bürgerschaft bezahlt wirt.

1714 wird König mit dem Neubau einer Orgel für Niederehe beauftragt, der ihm 285 Imperiales (Reichstaler) einbringen soll und ein Jahr später fertiggestellt wird. Das Instrument war einmanualig mit neun Registern und verfügte über ein angehängtes Pedal.

Ende des Jahres 1717 vereinbaren Pfarrer, Schöffen, Bürgermeister und Stadtrat von Ahrweiler mit dem Hn König von Münstereyffel ... ein newe orgel in hiesige pfarkirch zu machen, die nach einer 1847 erfolgten Beschreibung durch den Kölner Orgelbauer Engelbert Maaß (1781 - 1850) ein Hauptmanual mit zwölf Registern, ein Positiv mit neun Registern und zwei selbständige Pedalregister gehabt hat.

Mit einiger Sicherheit ist Balthasar König zwischen 1720 und 1727 mit Umbau und Erweiterung der Orgel in der Steinfelder Klosterkirche beschäftigt gewesen, obwohl der endgültige Beweis wegen des Verlustes des Klosterarchivs wohl kaum noch zu erbringen sein wird. Die nicht zu leugnende Ähnlichkeit der Registerauswahl mit der 1738/40 von ihm nachweislich erbauten Orgel der Kölner Jesuitenkirche St. Mariae Himmelfahrt läßt diese Hypothese als wahrscheinlich einstufen.

Nur wenig später dürfte das Instrument in der ehemaligen Klosterkirche der Praemonstratenserinnen zu Füssenich (heute kath. Pfarrkirche St. Nikolaus) entstanden sein. Bei dieser um 1730 erbauten Orgel, deren Gehäuse unverkennbare Ähnlichkeit mit dem in der ehemaligen Abteikirche Brauweiler (Erftkreis) hat, könnte es sich ebenfalls um ein Werk Balthasar Königs handeln. Einiges spricht dafür, daß es sich ursprünglich als hinterspieliges, einmanualiges Werk mit angehängtem Pedal dargestellt hat, das dann 1871 durch die Gebrüder Kalscheuer aus Nörvenich (Krs. Düren) um ein zweites Manual (Unterwerk) und ein freies Pedal erweitert worden ist.

Dem Ruhm seines Vaters steht der am 5. Mai 1717 in Münstereifel geborene älteste Sohn von Balthasar König, Christian Ludwig, in keiner Weise nach. Er ist, wie sein jüngerer Bruder Kaspar Joseph (1726 - 1763), Schüler des aus Andreasberg/Harz stammenden und in den Niederlanden zu großem Ansehen gelangten Orgelbauers Christian Müller gewesen. Etwa um 1744 läßt er sich in Köln nieder und betreibt unabhängig vom väterlichen Unternehmen in der Hohe Straße eine eigene Werkstatt.

Als bekanntestes Werk wird ihm die um 1770 entstandene Orgel der Schloßkirche von Schleiden /Krs. Euskirchen) zugeschrieben. Die 1988 abgeschlossene Restaurierung hat versucht, technisch und klanglich den Originalzustand zu erreichen, wobei allerdings die spätere Pedalerweiterung ausgespart geblieben ist, um das Instrument musikalisch vielfältiger nutzen zu können.

Die heute in der kath. Pfarrkirche St. Nikolaus zu Aremberg (Krs. Ahrweiler) befindliche Orgel wird gleicherweise der Familie König zugeschrieben und soll um die Mitte des 18. Jahrhunderts gebaut worden sein. Ursprünglich für die Klosterkirche der Augustinerinnen in Marienthal an der Ahr bestimmt, gelangte das Werk im Zuge der Säkularisierung 1803 zusammen mit einem großen Teil der Innenausstattung nach Aremberg. Anhand der Stockbohrungen und der Aufmaßrisse auf der Windlade ist es gelungen, die ursprüngliche Disposition im Zuge der 1989 abgeschlossenen Restaurierung zu rekonstruieren. Sie besitzt zwölf Register mit angehängtem Pedal von C bis c°).

Das 19. Jahrhundert

Noch weit bis in das 19. Jahrhundert reichen Einfluß und Nachwirken der Orgelbauwerkstatt König, obwohl mit Adolph Daniel (1768 - 1805) die direkte Familientradition endet. Über Johann Baptist Weber (1781 - 1840), Vater des späteren Kölner Domorganisten, ferner Johann Georg Arnold (1738 - 1824) , Engelbert Maaß (1781 - 1850) geht die Entwicklungslinie bis hin zu Franz Wilhelm Sonreck (1822 - 1900) und erreicht damit den Zeitpunkt, ab dem - nicht zuletzt aufgrund der wachsenden Mobilität - der Orgelbau seine regionalen Besonderheiten allmählich verliert.

Ein wenig abseits der zuvor aufgezeigten Richtung scheint die Entstehung der Orgelbauwerkstatt der Gebrüder Müller in Reifferscheid (Krs. Euskirchen) verlaufen zu sein. Eine direkte Verbindung zur Orgelbauerfamilie König ist bislang nicht auszumachen, aber auch nicht auszuschließen. Es ist denkbar, daß Beziehungen zu Johann Odendahl (um 1715 - 1795) bestanden haben, der 1738 die älteste Tochter von Balthasar König geheiratet und die Münstereifeler Werkstatt übernommen hat.

Begründer der seit 1802 bestehenden Reifferscheider Werkstatt ist Paul Müller (1775 - 1843). Sein jüngerer Bruder Nicolaus (1777 - 1862), als Spätberufener seit 1832 zunächst Pfarrer in Udenbreth, später in Baasem, baute neben seiner seelsorgerischen Tätigkeit Orgeln und machte sie armen Kirchengemeinden zum Geschenk, ein Grund dafür, daß in zahlreichen Pfarreien der Gegend bis in die jüngste Vergangenheit Seelenämter für diesen Wohltäter abgehalten wurden.

Drei Söhne des Firmengründers, Josef (1802 - 1876), Michael (Lebensdaten unbekannt) und Christian Müller (1811 - 1896) betreiben die Werkstatt ab 1843 unter dem Namen "Gebrüder Müller" weiter und finden in der näheren und weiteren Umgebung ein reiches Betätigungsfeld. In der nächsten Generation übernehmen vier Söhne von Josef Müller, Johann Paul (geb. 1841), Josef jun. (1848 - 1880), Aloys (1850 - 1907) und Eduard (1851 - 1915) ab etwa 1880 den Betrieb, der bis 1920 - zuletzt unter der Leitung einer Schwester als Teilhaberin - weiterbesteht. Über das umfangreiche OEuvre der Werkstatt vermittelt ein von Hans Hulverscheidt zusammengestelltes Werkverzeichnis einen genauen Überblick.

Als Nachfolgebetrieb der Gebrüder Müller ist die heute in Hellenthal (Krs. Euskirchen) ansässige Orgelbauwerkstatt Josef Weimbs zu bewerten, deren Gründer Josef Weimbs sen. (1886 - 1949) zwischen 1900 und 1913 in Reifferscheid als Orgelbauer gearbeitet hat.

Während die Gebrüder Müller ihren Einzugsbereich schon recht früh über die Nordeifel hinaus bis in die Niederlande, Ostbelgien und in späteren Jahren auch nach Luxemburg ausdehnen konnten, hat sich der Wirkungskreis des in Kuchenheim (Krs. Euskirchen) beheimateten Franz Joseph Schorn (1834 - 1905) mit Ausnahme von drei Orgelbauten im Kreis Neuss auf die nähere Umgebung der Werkstatt konzentriert.

Nach der Absolvierung einer Schreinerlehre in der väterlichen Werkstatt erlernt er bei Johann Müller (1817 - 1875) in Viersen das Orgelbauhandwerk und macht sich 1868 selbständig, nachdem er zuvor noch ein Jahr bei Franz Wilhelm Sonreck in Köln gearbeitet hat.

Seine robust gebauten Instrumente besitzen bis zuletzt ausnahmslos Schleifladen mit mechanischer Spiel- und Registertraktur und werden selbst dann noch, als sich diese Bauform gegen Ende des vorigen Jahrhunderts überlebt hat, von den Sachverständigen positiv bewertet.

Das größte Orgelwerk, das aus Schorns Werkstatt hervorgegangen ist, ist das 1882 für die kath. Stiftskirche St. Chrysanthus& Daria in Bad Münstereifel (Krs. Euskirchen) gebaute, welches aber leider baulich wie auch klanglich stark verändert wurde. Die ursprüngliche Disposition sah zwölf Register im Hauptmanual, acht Stimmen im zweiten Manual und vier Pedalregister vor.

Eines der letzten Instrumente Schorns ist das 1903 fertiggestellte für die kath. Pfarrkirche St. Pankratius in Floisdorf (Krs. Euskirchen). Nach einer umfangreichen Restaurierung, die 1990 zum Abschluß gebracht wurde, präsentiert sich die Orgel in ihrer ursprünglichen Klanggestalt. Für die relativ kleine Dorfkirche stellt sie sich als relativ groß disponiertes Werk mit neun Registern im Hauptwerk, fünf Stimmen im zweiten Manual und zwei Pedalregistern dar.

Es ist schon als ein Glücksfall zu bewerten, daß die meisten Orgeln Schorns in abgelegenen Orten aufgestellt sind, wo Neuerungen sich schwerer haben durchsetzen können, so daß dadurch zahlreiche Klangdokumente für den (spät-)romantischen Orgelbau - inzwischen nach orgeldenkmalpflegerischen Vorgaben restauriert - erhalten geblieben sind.